Antwerpen Centraal – Das Hogwarts für Bahnreisende

Letztens bin ich mal wieder Bahn gefahren. Als die Zugbegleiterin, die ungewöhnlich jung war, mein Ticket kontrollierte, zogen sich ihre Augenbrauen zusammen, sie schaute mich an und fragte mit strengem Unterton, ob ich nach Antwerpen führe. Ich bejahte, etwas irritiert ob ihres irritierenden Gesichtsausdrucks, der sich mit der Fahrkarten- & BahnCard-Rückgabe jedoch sichtlich entspannte: „Viel Spaß“, sagte sie. „Waren sie schon mal da?“ – Ich verneinte, woraufhin ihre Augen immer größer wurden und zu funkeln begannen. „Oarh“, sagte sie seufzend, die Passagiere hinter mir kontrollierend, „der Bahnhof ist SOOO toll. Wie bei Harry Potter..!“
Nun gehöre ich zu den gefühlten 0,1 Prozent der Menschheit, die Harry Potter weder gelesen noch gesehen haben – was jedoch überhaupt nicht vorsätzlich nicht geschehen ist, sondern eher, weil es so viele andere Bücher und Filme gibt, die mindestens ebenso gern gelesen und gesehen werden möchten. Ich hatte also lediglich eine vage Ahnung von Hogwarts und Co. und hielt die Episode bereits für abgeschlossen, da kam – eine gute halbe Stunde später – die junge Frau noch einmal vorbei und hielt mir ihr großformatiges Smartphone vor die Nase: „Sehen Sie … (bedeutungsschwangere Pause) … wie bei Harry Potter“ , sprach sie eine Spur zu laut. Auf dem Bildschirm waren zahlreiche Fotos zu sehen, dunkles Mauerwerk zeigend, und ich weiß bis heute nicht, ob das dort auf den kleinen Bildern der Antwerpener Zentralbahnhof oder doch die Harry-Potter-Zauberschule war. Ich versprach – nun doch neugierig geworden – mir den Bahnhof anzusehen, was ich ursprünglich nicht vorhatte, weil der Bus, der mich nach dem Umstieg in Düsseldorf schlussendlich nach Antwerpen brachte, ja VOR dem Bahnhof hielt.

SAMSUNG CSCAls ich in Antwerpen ankam, war der Himmel grau, und zwischen dem Bus, aus dem ich stieg, und dem Bahnhof, den ich nicht kannte, standen ein Riesenrad, das sich nicht drehte, und eine Handvoll graubrauner Baucontainer. Alles in allem ein recht trostloser Anblick, der sich nur mäßig verbesserte, als ich mich von der Nordseite dem Bahnhof näherte: Glasfassaden spiegelten das trübe Grau des Himmels, Betonwände, die gläserne Fahrstühle fassten, hier und da rot-weißes Flatterband und rot-weiß-schwarze Verbotsaufkleber. Matt nur schimmerte der goldene Schriftzug Centraal Station auf dem Zierband aus blassrotem Gestein. Vor den gläsernen Eingangstüren patrouillierten zwei mit Maschinengewehren bewaffnete Soldaten.
Soldaten, deren Anwesenheit ich sofort vergaß, als ich die Schwelle zur Bahnhofshalle überschritt. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, vermute jedoch, dass meine Augen unwillkürlich zugbegleiterinnenaugengroß wurden und ebenso zu funkeln begannen. Und ohne Harry Potter gesehen zu haben, wußte ich sofort, was die junge Frau aus dem Zug meinte.

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Das steinerne Empfangsgebäude stammt von Louis de la Censerie.
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Die Bahnhofsanlage im eklektizistischen Stil enstand zwischen 1899 und 1905.

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Der Architekt wurde inspiriert von dem Luzerner Bahnhof und dem Pantheon in Rom.
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Seit 1873 ist dieser Bahnhof ein Kopfbahnhof.
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Eröffnet wurde der Bahnhof am 11. August 1905 unter dem Namen Antwerpen-Centraal.
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Die 186 Meter lange und 66 Meter breite Bahnhofshalle aus Stahl wurde vom Ingenieur Clement Van Bogaert entworfen. Die Höhe von 43 Metern berücksichtigte die Abgase der Dampflokomotiven.
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Die dominierende, 75 Meter hohe Kuppel hat dem Gebäude den Namen Eisenbahnkathedrale eingebracht.
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Mitte des 20. Jahrhunderts war der Bahnhof baulich in schlechtem Zustand. Der kalkhaltige Vinalmontstein, aus dem die Kuppel errichtet ist, fing an, sich zu zersetzen. 1953 lösten sich erste Steine, 1957 wurde ein Fahrgast von einem herabfallenden Stein getroffen, woraufhin der Abriss des Gebäudes erwogen wurde. Das Empfangsbebäude erhielt jedoch Denkmalschutz und wurde ab 1993 umfassend saniert.

Als ich den Bahnhof nach etwa einer halben Stunde durch den Westeingang verließ, war das Grau am Himmel verschwunden. Die Sonne schien, ein paar Wolken durchzogen gemächlich das Blau, während ich dem Bahnhof den Rücken kehrte, mich mehrfach umdrehte und dachte, dass nun vielleicht doch die Zeit gekommen sei, endlich mal Harry Potter zu lesen.

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Mit der Reise nach Antwerpen begann am 22. August 2016 die viertägige Presse- & Bloggerreise #Grenzverkehr, zu der ich dank Wibke Ladwig und Artefakt Kulturkonzepte eingeladen wurde. Gastgeber waren der Vlaams Fonds voor de Letteren und der Nederlands Letterenfonds; Flandern und die Niederlande sind in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Die Reise bot einen umfangreichen Einblick in den flämischen und den niederländischen Buchmarkt sowie in die niederländischsprachige Literatur- und Kunstszene.
Dieser Blogpost stellt den Auftakt für eine Reihe von Beiträgen dar, die ich bis zur Buchmesse Mitte / Ende Oktober hier und bei den Kulturfritzen veröffentlichen werde.

 

 

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5 Gedanken zu “Antwerpen Centraal – Das Hogwarts für Bahnreisende

  1. danke für diese tollen fotos vom bahnhof in antwerpen!
    dieses fotomotiv würde ich auch gern mal live aufnehmen, gut dass es noch zugbegleiter gibt, eine süße geschichte -( ich sehe die großen kulleraugen vor mir) und die super fotos, ps. ich habe auch nie harry potter gelesen , bin bei grimms märchen hängengeblieben 🙂

    Gefällt 1 Person

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