Die unterhaltsame Seite des Krieges. Oder: Damenimitator ist ein schönes Wort

Mein Kamerad – Die Diva. Eine Ausstellung im Schwulen Museum* Berlin

fac41-sam_5141Der Ort der Ausstellung mag ebenso in die Irre führen wie ihr Titel. Aber das ist vielleicht auch ganz gut so, schließlich sorgt das Thema der Ausstellung ebenfalls für Irritation.

Mein Kamerad – Die Diva versammelt Fotos, Videos, Schriftstücke und andere Exponate, die Theateraufführungen an der Front und in Gefangenenlagern des Ersten Weltkriegs dokumentieren. Mit seiner Fokussierung auf die Frauendarsteller in diesen frauenfremden Orten sieht sich das Schwule Museum* jedoch seit der Planungsphase immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob denn alle Damenimitatoren (ich gebe zu, ich habe eine Schwäche für dieses altmodisch anmutende Wort) auch homosexuell gewesen seien. Naheliegend und absurd zugleich, diese Frage: Dass Männer in Frauenkleidern und Homosexualität sich nicht ausschließen, wissen wir alle, dass es im Militär oder im Gefängnis zu gleichgeschlechtlichen Handlungen kommt, kann – und das gilt für damals wie heute – aber auch nicht als Zertifikat für Homosexualität gelten.

Die unterhaltsame Seite des Krieges. Oder: Damenimitator ist ein schönes Wort

Die unterhaltsame Seite des Krieges. Oder: Damenimitator ist ein schönes WortWäre diese automatisierte Verknüpfung von Travestie und Homosexualität auch vollzogen worden, wenn die Ausstellung beispielsweise im Deutschen Historischen Museum oder im Martin Gropius Bau gezeigt worden wäre?

Das Schwule Museum*, das sich spätestens seit seinem Umzug im vergangenen Jahr und mit dem Sternchen hinter dem Namen offensiv auch der Kulturgeschichte anderer sexueller Identitäten zuwendet, lehnt sich mit der Ausstellung weit über die männlich-homosexuelle Bettkante hinaus, indem es eine Crossdressing-Geschichte fortschreibt, die im Theater seit der Antike Tradition hat und weniger über die Sexualität des Schauspielers aussagt als vielmehr über Profession und Perfektion.

Die unterhaltsame Seite des Krieges. Oder: Damenimitator ist ein schönes Wort

Die unterhaltsame Seite des Krieges. Oder: Damenimitator ist ein schönes Wort

Die Imitation auf zahlreichen der Fotografien ist perfekt: Aus dem Ausstellungskontext gerissen, ließen sich die dort abgelichteten Frauen nicht als Männer identifizieren. Die Diva als unerreichbarer, gefeierter Bühnenstar (also in der nicht abwertenden Begriffsbedeutung des 19. Jahrhunderts) wird im Damenimitator zur doppelten Illusion, weil sich im Frontkameraden auch die Abwesenheit wirklicher Frauen manifestiert.

Die unterhaltsame Seite des Krieges. Oder: Damenimitator ist ein schönes Wort

Die unterhaltsame Seite des Krieges. Oder: Damenimitator ist ein schönes Wort

Diese Wirklichkeit des Krieges, das Auseinanderreißen von Familien, das Heimweh, die Angst im Schützengraben oder den Alltag im Gefangenenlager, das alles zeigt die Ausstellung nicht. Vermutlich ist so etwas auch gar nicht möglich. Die Auslage eines beim §175 aufgeschlagenen Strafgesetzbuches mutet lediglich an wie der unnötige Versuch, die Wahl des Ausstellungsortes zu legitimieren. Eine Soldatenuniform mit Pickelhaube und einige Wandmalereien reichen nicht aus, um das schreckliche Umfeld, in dem an der Front und in den Lagern Theater gespielt wurde, auch nur annähernd sichtbar zu machen. Man verliert sich dafür auch viel zu schnell und viel zu gerne in den zahlreichen, zum Teil winzigen Details der Fotografien, die die Versuche visualisieren, für einige Stunden die Realität vergessen zu können.

Die sepiagetönten, vergilbten Fotografien dokumentieren eine erschreckend friedliche Seite des ersten Weltkrieges, der vor 100 Jahren begann. Lange her, mag man denken, bis man am Schluss der Ausstellung auf diese fummelfreie, keine zwei Jahre alte Version von Damenimitation an der Front stößt:

Die unterhaltsame Seite des Krieges. Und die im Raum stehende Frage, wie viele dieser Marines heute wohl noch leben?

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Mein Kamerad – Die Diva. Theater an der Front und in Gefangenenlagern des Ersten Weltkriegs ist noch bis zum 30. November 2014 im Schwulen Museum* zu sehen.

Am 8. November findet begleitend ein Symposium in der Humboldt-Universität statt, darüber hinaus ist eine Publikation erschienen. Das Gesamtprojekt wird gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

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Nicht nur, weil die Ausstellung eine größere Zielgruppe anspricht als der Museumsname es vermuten lässt, sondern auch, weil ich das Schwule Museum* als ernstzunehmende Bildungs- und Forschungseinrichtung (mit einer großartigen Bibliothek und einem Archiv voller Schätze) sowie als wichtigen Berliner Kulturstandort ins Bewusstsein rücken möchte, nehme ich mit diesem Beitrag erstmals an einer Blogparade teil. Tanja Praske sammelt persönliche Kultur-Tipps. Dies ist meiner.

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3 Gedanken zu “Die unterhaltsame Seite des Krieges. Oder: Damenimitator ist ein schönes Wort

  1. Interessante Ausstellung, die mich stilistisch an eine kleine Fotoausstellung im Kopenhagener Polizeimuseum erinnert. Dort ging es – ebenfalls im Zusammenhang mit dem WK1, abseits der Front – um das Aufkommen erster Nacktfotografien.

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